Interview mit Dr. Carla Rondeck (Schwerpunkt Stressmedizin)

 
Häufig wird behauptet, dass Stress nur Kopfsache sei. Stimmt das?

Stress wird auf vielen Kanälen wahrgenommen und je nach Belastungsstärke im Kopf als Stress gefiltert und dementsprechend belastend als solcher empfunden. Die Verarbeitungsmechanismen, die im Kopf stattfinden, sind dabei individuell sehr unterschiedlich und durch viele Komponenten beeinflusst. Dadurch sind sie auch auf vielen Wegen beeinflussbar, sowohl über körperliche Faktoren als auch über Denkmuster. Chronischer, also anhaltender Stress raubt dem Körper Energie.

Welche Folgen können die langfristigen Defizite im Energiehaushalt haben?

Chronischer Stress führt dazu, dass Energiespeicher geleert werden. Die Folgen mangelnder Regeneration machen sich bemerkbar, wenn ein deutlicher Vitalstoffmangel dazu führt, dass wichtige Regenerationshormone nicht mehr produziert werden können und der Stoffwechsel aus dem Gleichgewicht gerät. Körperlich spürbar sind die Folgen durch starke nervliche Anspannung, die sich in Schmerzen und Verspannungen sowie Konzentrationsschwäche zeigen kann. Dauerhaft Gestresste berichten aber auch häufig von Müdigkeits- und Schwächegefühlen.

Was bedeutet "Stressprofil" und warum ist es so wichtig, das eigene Stressprofil zu kennen?

Stress ist ein sehr individuelles Thema und beruht bei jedem Menschen auf unterschiedlichen Ursachen/Stressoren. Daher ist es hilfreich, seine persönlichen Stressoren zu kennen, um an der Stressbewältigung arbeiten zu können. Ein Stressprofil umfasst sowohl die Analyse von Denkmustern und körperlichen Diagnosen als auch die Laborergebnisse der Hormone und Vitalstoffe.

Wie kann ich meinen Stresslevel testen?

Bestimmte Stresshormone und Vitalstoffe kann man im Körper bestimmen lassen. Sehr individuell können sie erniedrigt oder erhöht sein und dadurch Beschwerden verursachen oder aber auch Störungen vermindern und dem Körper selbst helfen. Diese körpereigenen Stoffe können mittels einer ausführlichen Anamnese identifiziert und laborchemisch gemessen werden. Denkmuster, die zusätzliche Belastung bedeuten, lassen sich gut in einem gezielten Gespräch und mittels spezieller Testverfahren testen.

Welche diagnostischen Möglichkeiten gibt es darüber hinaus?

Ein Hilfsmittel, um die Anspannung des Körpers zu messen, stellt die Messung der Herzratenvariabilität (HRV) mittels Elektroden dar. Gemessen wird bei dieser Methode die Flexibilität des Pulsschlages, die bei gestressten Menschen eingeschränkt ist. Sie ermöglicht sehr individuelle Aussagen zu Anspannung und Entspannungstendenzen im Verlauf von mehreren Tagen und Nächten. In Zusammenarbeit mit dem Auswerter können ganz persönliche Stressverstärker analysiert und dadurch auch konkrete Veränderungsmöglichkeiten gefunden werden. Ein gutes Testverfahren zur Messung des Stresslevels ist des Weiteren der Integrale Stresstest (IST), durch den bestehende Erschöpfungstendenzen im beruflichen wie auch privaten Umfeld getestet werden können.

Was haben Nahrungsmittelunverträglichkeiten mit Stress zu tun?

Etwa 30 % unserer beim Essen aufgenommenen Energie wird normalerweise für das Immunsystem benötigt. Bei einer Unverträglichkeit kommt es zu einer Störung des Immunsystems, so dass dieses bis zu 70 % der Energie in Anspruch nimmt. Dadurch verbleibt für den restlichen Körper weniger Energie als benötigt. Dies betrifft neben den Organen besonders die Gehirnleistung, was sich durch Konzentrationsstörungen, Schlafstörungen, Reizbarkeit und depressive Verstimmung bemerkbar machen kann. Das hochaktive Immunsystem muss im Dauereinsatz arbeiten, was Stress verursacht. Andere "Baustellen" des Körpers werden vernachlässigt, woraus sich ernstliche Beschwerden entwickeln können.

Wie kann ich der Stressfalle entkommen?

Letztendlich geht es bei allen stressbedingten Beschwerden darum, die Ursachen und eigenen Verhaltensweisen zu kennen und am "Gesamtpaket Mensch" zu arbeiten. Ein positiver, genussvoller und maßvoller Umgang mit dem eigenen Leben, der Arbeit und dem Umfeld ist ein guter Weg aus dem Stress. Das bedeutet eine gesunde Lebensweise mit guter Ernährung und genügend Regenerationsmöglichkeiten, eine klare Haltung zur Arbeitsweise und meinen eigenen Bedürfnissen, das Aufdecken von Denkweisen, die mir nicht guttun, und eine positive Grundhaltung.

Wie kann ich aktuellen Stress-Situationen begegnen?

Um den Körper in seiner Stressbewältigung zu unterstützen, gibt es verschiedene Möglichkeiten, u. a. pflanzliche Arzneimittel mit Rosenwurz (Rhodiola rosea), die den Organismus in Belastungsphasen stärken. Wenn laborchemisch ein Mangel an bestimmten Vitaminen oder anderen Vitalstoffen messbar ist, können diese in Form von Nahrungsergänzungsmitteln ausgeglichen werden.

Welche Therapiekonzepte sind ergänzend empfehlenswert?

Zur Stärkung der Zellen und Regeneration wird beispielsweise eine intermittierende Sauerstofftherapie (IHHT-Zelltraining) angeboten, die einem Höhentraining ähnelt und die Arbeit in den Zellen ankurbeln soll. Für die Beruhigung des angespannten Nervensystems bieten sich vegetative Therapieformen an, Osteopathieformen in Kombination mit Akupunktur und leichter Ausdauersport. Um die eigenen Bedürfnisse und Denkmuster zu erkennen und diese positiv zu verändern, gibt es ein breites Angebot an Coaching und Lebensberatungen. Einige haben das Thema Stress als speziellen Inhalt und widmen sich dem mentalen Achtsamkeitstraining mit Meditation und Übungen (mindfulness based stress reduction, MBSR).

Dr. Carla Rondeck, Ärztin mit Schwerpunkt Stressmedizin, vom ZSMED München (Zentrum für Stress-, Schmerz- und Sportmedizin). Die Humanmedizinerin promovierte in Psychosomatischer Medizin und ist zertifizierter Mental Coach.